In der Forschungsabteilung der R. Nussbaum AG ist KI seit zwei Jahren im Einsatz. Die Tools sollen die Forschenden bei der Entwicklung von neuen technischen Lösungen und entsprechenden Recherchen unterstützen. KI wird auch als Brainstorming-Assistent genutzt. «Im Dialog mit KI können wir erarbeitete Lösungen perfektionieren und weiterentwickeln», sagt Zeiter. Die Resultate aus dem Austausch werden mit den Arbeitskollegen besprochen.
Wie die R. Nussbaum AG KI konkret nutzt, zeigt sich bei der Entwicklung eines frostsicheren Gartenventils. Zu Beginn ging es um die Frage, ob die neue Konstruktion baustellentauglich sei. Um dies zu klären, wären normalerweise zahlreiche Baustellenbesuche nötig gewesen. Doch mit KI war es möglich, dies mit den entsprechenden Parametern, Konstruktionsplänen und Ideen auch am Computer zu beantworten. Dann wollten Patrik Zeiter und sein Team wissen, wie sich die neue Lösung mit einem Beton- oder Holzbau verträgt. Und was man besser machen kann. «Die KI lieferte uns nützliche Inputs und erhöhte die Vielfalt der Möglichkeiten. Auf manche Ideen wären wir vielleicht nicht selber gekommen. Deshalb sehen wir in der KI eine nützliche Kooperation zwischen Mensch und Maschine. Am Ende entscheiden aber wir Menschen, was gemacht wird», so der Forschungsleiter. Und trotz aller Virtualisierung steht bei der Entwicklung eines neuen Produkts immer noch ein Prototyp aus dem 3D-Drucker auf dem Tisch. «Das Gartenventil ist somit eines der ersten Resultate der erfolgreichen «Kooperation» von künstlicher und menschlicher Intelligenz bei der Nussbaumer AG.»
Datensicherheit: Geschäftsgeheimnisse und KI
In der Kooperation mit den Dienstleistern, welche die bei Nussbaumer eingesetzten KI-Werkzeuge liefern, ist die Datensicherheit elementar. Die Anbieter der Tools versichern zwar, dass die Daten nur zu Trainingszwecken genutzt würden. «Aber darauf wollen wir uns nicht verlassen», sagt Patrik Zeiter entschieden. Deshalb wägt man bei der R. Nussbaum AG sehr genau ab, welche Informationen man die KI nutzen lässt. Je spezifischer die Inhalte, desto vorsichtiger agiert man beim KMU. Eine gesunde Skepsis sei wichtig. Daher füttern die Verantwortlichen die KI nie mit gewissen Finessen beim Fertigungsablauf oder mit Daten zur Materialisierung. «Aus diesen Informationen können Geschäftsgeheimnisse werden und es wäre fatal, diese in ein KI-Tool einzuspeisen», betont der Forschungsleiter.
Trotz KI-Support gilt bei Patentanmeldungen: «Weniger ist mehr»
Neben der Rolle als Input-Lieferantin kommt KI auch als Beschleunigerin für potenzielle Patentanmeldungen zum Einsatz. Eine Patentrecherche ist mit den KI-Tools schneller abgeschlossen. Trotzdem will man bei der R. Nussbaum AG nicht mehr Erfindungen anmelden als bisher. «Unser Kredo lautet: Weniger ist mehr – und mit Qualität. Wir sind überzeugt, dass nicht jede patentierbare Lösung angemeldet werden muss. Als KMU könnten wir es uns auch aus Kostengründen nicht leisten, jedes Jahr Dutzende von Erfindungen einzureichen», betont Patrik Zeiter. Die R. Nussbaum AG meldet aktuell drei bis vier Erfindungen pro Jahr an. Für eine Firma mit 500 Mitarbeiterin sei das nicht wenig, so Zeiter. Und weiter meint er: «Diese Menge ist für uns noch wirtschaftlich sinnvoll. Die Kunst liegt eben in der Recherche von sinnvollen Erfindungen aus dem ganzen Spektrum und zu erkennen, ob es dort eine Gefahr gibt und ein Trittbrettfahrer kommt und genau kopiert, was wir da machen.»
Einblick in die IP-Strategie
Patrik Zeiter gibt im Zusammenhang mit der KI-Nutzung auch einen Blick in die IP-Strategie seines Unternehmens. Man habe keine Raumfahrtprojekte mit hoher Komplexität. Das Sortiment bestehe aus einfachen Produkten wie Rohren, Verbindern und Armaturen. «Weil die Komplexität tief ist, sind die Produkte auch einfacher kopierbar», berichtet er. Wenn man die neuen Erfindungen lokalisiert habe, kümmere man sich um die Patentanmeldung. «Da lohnt sich der Schutz, da es sich um Lösungen handelt, die sehr einfach sind und die Chance gross ist, dass es Trittbrettfahrer gibt».
Beim Aufkommen einer neuen erfinderischen Idee im Rahmen der Planung einer Erfindung führt Patrik Zeiter zunächst die Patentrecherche durch. Dank des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz ist diese Arbeit deutlich effizienter und schneller geworden. «Ich sehe dadurch frühzeitig, ob wir mit unserer Innovation potenziell Rechte Dritter verletzen und ob die geplante technische Lösung ausreichend neu ist», erklärt Zeiter.
KI für erste Recherche zum Stand der Technik
Diese Form der vorgelagerten Analyse sei vor einigen Jahren ohne KI noch nicht möglich gewesen. Damals sei der Patentanwalt häufig bereits in einer frühen Phase in die Recherche eingebunden worden. «Heute nutzen wir KI für eine interne, orientierende Recherche im Stand der Technik. Zeigt sich dabei substantielles Potenzial, ziehen wir den Patentanwalt nachgelagert und gezielt bei», so Zeiter. Diese Konsultation erfolgt bewusst subsidiär und ohne Anspruch auf eine amtliche Prüfung. Ziel ist es vielmehr, die gewonnenen Erkenntnisse einzuordnen, den Schutzumfang kritisch zu reflektieren und zusätzliche fachliche Perspektiven für das weitere Vorgehen zu erhalten. Erst wenn dies bestätigt wird, entscheidet man sich für eine Patentanmeldung.
Umso wichtiger sei die Vorphase, also die Patentrecherche mit Hilfe von KI. «So ist es möglich, tausende Texte aus dem Stand der Technik zu analysieren. Also konkret laden wir einige Patente aus dem Stand der Technik in ein KI-Modell. Das ermöglicht uns das KI-Modell als Chat-Partner zu nutzen. Das Modell ermöglicht – was vorher undenkbar war – dass wir diese riesige Menge an Dokumentation als Basis für unsere Abfragen direkt nutzen können.»
Gefahr von billigen Anmeldungen?
Patrik Zeiter befürchtet, dass die KI zum Türöffner für massenhafte Patentanmeldungen von geringer Qualität wird. «Unternehmen, die sich bis jetzt keinen Patentanwalt leisten konnten oder wollten, können mit KI relativ günstig anmelden». Ob diese Patente erteilt werden bzw. rechtsbeständig sind, ist eine andere Frage. Doch diese «Fastfood»-Anmeldungen könnten die Spielregeln bei der Rechtssicherheit verändern. «Patentschutzschutz heisst für uns auch, dass wir uns sicher im Markt bewegen können und mit Dritten keine Konflikte entstehen», so Patrik Zeiter. Wenn nun massenhaft Anwendungen publiziert werden, könne das die eigene Neuheit stärker gefährden. Folglich wird es schwieriger, noch eine Lücke für eigene Erfindungen zu finden, welche die Kriterien wie Neuheit oder erfinderische Tätigkeit erfüllen.