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«Der Geschwindigkeitsgewinn ist für uns das schlagende Argument für den KI-Einsatz»

Die Hess AG nutzt KI im Innovationsprozess auf vielseitige Weise. Das umfasst Recherchen, Routinearbeiten oder die Bearbeitung von Analysen wie zum Beispiel Telemetriedaten von Fahrzeugen. Die Nutzung von KI ist nicht zwingend und liegt in der Initiative der Mitarbeitenden der Entwicklungsabteilung.

Jan Wunderlich: «Mit KI gewinnen wir Zeit und erhalten schneller einen Überblick über unser Technologieumfeld». Foto: IGE

Die seit 1882 bestehende Hess AG versorgt öffentliche Verkehrsbetriebe seit 1940 mit Trolleybussen. Heute sind dies vor allem elektrisch angetriebene Modelle. Die Innovationsfreudigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Unternehmens, die Busflotte wird technisch laufend verbessert. Die Entwicklungsarbeit wird auf verschiedene Weise von KI-Tools beeinflusst. Der Einsatzbereich umfasst u.a. Analysen von Ausschreibungen oder Recherchen zum Stand der Technik, wenn es um potenzielle Patentanmeldungen geht.

Das Unternehmen setzt KI zudem in Grundlagenfunktionen von Software ein, wo wiederkehrende, nicht zwingend funktionsrelevante Blöcke genutzt oder erstellt werden. «Mit KI gewinnen wir Zeit und erhalten schneller einen Überblick über unser Technologieumfeld. Die Ergebnisse der KI sind natürlich nicht die endgültige Wahrheit», sagt Jan Wunderlich, der seit fünf Jahren den Bereich Technikentwicklung leitet. Er vergleicht die Aussage einer KI mit der Meinung eines Kollegen, die genauso in Frage gestellt werden kann.

 

KI-Faktor Geschwindigkeit

«Der Geschwindigkeitsgewinn ist für uns das schlagende Argument für den KI-Einsatz. Das gilt vor allem bei der Bewertung und Umsetzung von Ergebnissen». Die Mitarbeitenden werden im Umgang mit KI sensibilisiert. «Sie können Antworten auf Sinnhaftigkeit, Aktualität und Richtigkeit prüfen und entsprechend bewerten». Wunderlich vergleicht KI mit Simulationstools, die sich vor 20 Jahren grossflächig ausbreiteten. Auch damals sei die Euphorie riesig gewesen und man sei überzeugt gewesen, dass solche damals neuartige Simulationssoftware alles könne. Das sei jedoch nicht der Fall gewesen. Nicht anders ist es mit KI. Die Ergebnisse der Tools sind nur ein Teil der Geschichte. «Entscheidend ist die Ergebnis/Antwort-Interpretation. Diese werde KI-Nutzende in nächster Zeit stark herausfordern», so Wunderlich.

 

IP-Strategie

«Die Hess AG lebt von Innovation und neuen Lösungen. Deshalb ist für uns auch der Schutz des geistigen Eigentums zentral, um den technischen Vorsprung abzusichern. Erfindungen melden wir zum Patent an». Wunderlich und sein Team arbeiten dabei mit externen Patentanwälten zusammen. Diese werden ab einem bestimmten Zeitpunkt im Entwicklungsprozess eingebunden.

Es wird gemeinsam geprüft, welche Elemente der technischen Lösungen schützenswert sind und wie man bei der Formulierung in der Patentschrift konkret vorgeht. «Im Fokus der Abklärungen steht häufig, welcher schützenswerte und/oder patentwürdige Anteil einer Erfindung für uns Sinn macht und ob dann auch die Neuheit gegeben ist», sagt Wunderlich. Die entsprechenden Analysen hätte man zuvor durch KI unterstützt durchgeführt. Sie sei geeignet, um schnell den Ist-Zustand zu erfassen - hinsichtlich bestehenden Patenten, Lösungen, Anforderungen durch Standards und Zulassungs-Reglementen. «KI unterstützt uns überall dort, wo Daten und Dokumente auf  spezifischen Fragestellungen hin untersucht werden sollen.»

 

Recherche: Lücken schneller erkennen

Durch den verstärkten KI-Einsatz rechnet er auch mit neuen Software-Tools. «Besonders bei der Patentrecherche werden uns neue Anwendungen die Suche stark erleichtern», ist er überzeugt. Die Lücken beim Schutz einer eigenen Erfindung hat man laut Wunderlich vor KI nicht so schnell identifizieren können – oder wenn, dann nur sehr kostspielig durch Patentanwälte oder Recherchen bzw. durch die Vollprüfung der Patentämter in den entsprechenden Ländern. «Ohne diese KI-Möglichkeiten waren die Hemmungen zur Durchführung einer Patentrecherche auch wegen der Kosten grösser».

  
 

Die Erfindung muss im Sinne der IP-Strategie nützlich sein

Auch wenn die KI die Vorarbeit beschleunigt, hält Jan Wunderlich an der bisherigen IP-Schutzstrategie fest: «Das bedeutet, dass die entwickelte Technologie durch ein Patent geschützt werden kann – und damit den Fahrgästen und Verkehrsbetrieben auch einen technischen Mehrwert bringt». Man patentiere auch weiterhin sehr gezielt. «Wir wollen nicht alle erkannten technischen Lücken mit einem Patent besetzen, die uns vielleicht die KI vorgeschlagen hat», sagt Wunderlich.

 

Jan Wunderlich rechnet denn auch nicht damit, dass Unternehmen dank KI deutlich mehr Erfindungen anmelden werden. Die Kundenbedürfnisse bleiben der Treiber in der Branche. Das Verhalten bezüglich Analyse, Marktbetrachtung oder Stand der Technik werde sich auch mit KI-Lösungen nicht signifikant verändern. Allerdings in der Breite, weil es laut Wunderlich mehr und schneller möglich ist, sich einen Überblick zu verschaffen und mehr Datenquellen zur Analyse herangezogen werden können.

 

Mehr Datenquellen, mehr Aufwand bei der Analyse

Wunderlich ist überzeugt, dass der Einsatz von KI die Menge an Technologielösungen in allen Branchen erhöhen wird. «Unsere Strategie für Schutzrechte basiert auf Marktbetrachtung, Stand der Technik, Kundenanwendung und Neuerungen, die sich abzeichnen werden. Mit der KI können wir einfacher mehr Datenquellen nutzen, um uns einen Überblick der Technik zu verschaffen. Das heisst, wir können schneller Daten nutzen und das Potenzial identifizieren. Das bedeutet aber auch, dass es mehr interpretationswürdige Ergebnisse geben wird. Der Aufwand für die Interpretation und Analyse wird eher grösser. Die Zukunft wird zeigen, ob aus all diesen Informationen Patente resultieren.»

 
 

Datensicherheit wird zur zentralen Frage

Der Schlüssel zur effizienten KI-Nutzung ist die Frage, mit welchen Informationen bzw. Daten man die KI füttert. Das ist die Erfahrung bei der Carrosserie Hess AG. Die Datensicherheit ist bei den neu gewonnenen KI-Möglichkeiten zentral. «Wir müssen uns bewusst ein, was mit unseren Eingaben im KI-System passiert – besonders im Kontext mit Schutzrechten». Der Speicherort werde für Unternehmen zur zentralen Frage werden: Auf welchen Servern läuft die Beantwortung der Fragen? «Ohne entsprechende Sicherheitsmechanismen in Bezug auf die Daten ist der Gebrauch mit Vorsicht zu geniessen. Ansonsten untergraben wir unsere Schutzrechte. Wenn neue Konzepte der KI  zugänglich gemacht werden, muss sichergestellt werden, dass diese Daten nicht öffentlich werden bzw. der KI nicht als Informationsquelle für fremde Anfragen dient. Ohne eine sicherere Umgebung können wir die Möglichkeiten der KI nicht voll ausschöpfen».

 

Im Gespräch erinnert er sich an eine Anekdote. «Wir wollten von einem KI-Tool wissen, welche potenziellen Lösungen es in unserer Branche gibt und in welche Felder wir einsteigen können: Die KI hat uns in den Antworten selbst zitiert. Das war definitiv interessant», sagt Jan Wunderlich.

 

Über die Hess AG

Das 1882 gegründete Unternehmen baut Elektrobusse. Die ersten E-Fahrzeug stellte man bereits 1940er-Jahren her. Die Gruppe Hess besteht aus mehreren Geschäftszweigen, der grösste ist der Busbau.

 

Innovation schützen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Wie nutzen Schweizer Unternehmen Künstliche Intelligenz im Innovationsprozess? Beeinflusst der Gebrauch gar das Verhalten bei Patentanmeldungen oder die Schutzstrategie des Unternehmens? Das IGE beleuchtet diese und weitere Fragen in einer Serie mit Schweizer Unternehmen. Die Fallstudie wird zu einem späteren Zeitpunkt auch als PDF erhältlich sein.

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