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«Man sollte sich nicht von der Anzahl Patentanmeldungen leiten lassen»

Fragt man nach der Zukunft des Geistigen Eigentums, ist der Ökonom Nikolaus Thumm der richtige Ansprechpartner. Dabei schaut er nicht in eine Glaskugel, sondern arbeitet mit sogenannten Zukunftsszenarien. Wir wollten von ihm wissen, was an Zukunftsszenarien so fasziniert und welchen Nutzen sie haben.

Auch wenn man die Zukunft nicht vorhersagen kann, kann man doch versuchen, ihre Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Foto: iStock

Nikolaus Thumm war Chefökonom beim Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum und beim Europäischen Patentamt. An Zukunftsszenarien hat er unter anderem für die Europäische Kommission als auch für das Europäische Patentamt mitgewirkt. Heute ist Nikolaus Thumm als Berater für die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und für verschiedene Hochschulen (UC Berkeley und TU Berlin) tätig.

 

IGE: Was fasziniert Sie persönlich an der Arbeit mit Zukunftsszenarien?

Nikolaus Thumm: Bei Zukunftsszenarien geht es stark um die Analyse des Ist-Zustands. Ausserdem kann man viel aus der Vergangenheit lernen. Zum Beispiel aus Krisen, wie der Weltwirtschaftskrise 1929 oder der Covid-19-Krise.

Bei der offenkundigsten Form der Zukunftsforschung werden in einem ersten Schritt erkennbare Trends der Vergangenheit und der Gegenwart in die Zukunft projiziert. In einem zweiten Schritt wird versucht, aus den Fehlern und positiven Resultaten der Vergangenheit zu lernen.

 

Natürlich kann man die Zukunft nicht vorhersagen. Auch das zeigt die Vergangenheit. Niemand hat mit der Covid-19-Pandemie gerechnet, aber auch war es unvorstellbar, dass es wieder Krieg in Europa geben wird.

Hier kommt die Arbeit mit den Zukunftsszenarien ins Spiel. Auch wenn man die Zukunft nicht vorhersagen kann, kann man doch versuchen, ihre Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Und genau darum geht es bei der Entwicklung von Zukunftsszenarien. Es ist die Faszination des Möglichen, um besser für die Zukunft vorbereitet zu sein.

 
 

Die Zukunft vorhersagen kann man mit Szenarien nicht. Was bringen solche Szenarien dann?

Es geht nicht darum, genau zu wissen, was in der Zukunft passieren wird. Damit wird man sowieso daneben liegen. In erster Linie ist es wichtig, sich in der Gegenwart Gedanken zu machen, was eventuell auf einen zukommt. Für Firmen beziehungsweise Organisationen bedeutet dies, dass konkrete Handlungsoptionen erstellt werden können, wie reagiert werden kann, wenn bestimmte Situationen oder Situationen ähnlicher Natur auftreten werden. Tritt eine solche Situation in der Zukunft auf, erspart dies Zeit und hilft unnötigen Schaden zu vermeiden. Denn es müssen nicht zuerst eine neue Situationsbestandsaufnahme gemacht und grundlegende Entscheidungen neu erdacht werden.

 

Gerade in der Politik und in der Gesetzgebung sind Zukunftsszenarien wichtig, weil der Entscheidungsprozess hier komplex und naturgemäss etwas langwierig ist. Es ist also hilfreich, für verschiedene Möglichkeiten in der Zukunft gerüstet zu sein. Dies ist vielleicht vergleichbar mit Katastrophenmanagement. Auch dort wird mit Situationen gerechnet, bei denen man eigentlich davon ausgeht, dass sie besser nicht eintreten werden. Aber man ist froh, einen Plan in der Tasche zu haben und vorbereitet zu sein.

  

Ein häufig wiederkehrendes Zukunftsszenario: Grosse Unternehmen und globale Märkte dominieren die Innovationslandschaft. Welche Auswirkungen hätte ein solches Machtgefüge auf das Gleichgewicht zwischen Wettbewerb, Kreativität und dem Gemeinwohl?

In der Tat ist dies einer der negativen Trends, der oft in Zukunftsszenarien beschrieben wird. Verbunden wird hier eine Konzentration der Innovationstätigkeit in den Händen weniger grosser Unternehmen sowie eine Einschränkung von Kreativität und Wettbewerb.

 

Ich denke, man muss das differenziert sehen.

 

Wenn man die reinen Anmeldezahlen von Immaterialgüterrechten anschaut, so hat sicherlich eine Konzentration in den Händen grosser internationaler Firmen stattgefunden. Dies hat zwei Gründe. Einer ist, dass grosse Firmen vertrauter im Umgang mit formalen Rechten sind und sich die damit verbundenen Kosten auch eher leisten können. Der zweite Grund ist, dass bei Lizenzverhandlungen zwischen zwei Unternehmen meistens beide Unternehmen eine grosse Anzahl von Immaterialgüterrechten haben. Nicht die Qualität der Immaterialgüterrechte, sondern die Anzahl davon bedeutet hier eine bessere Verhandlungsposition. Wir können daraus ableiten, dass es sich in solchen Situationen nicht um bahnbrechende Erfindungen handelt, sondern um marginale Verbesserungen, deren Anspruchsbreite jeweils sehr gering ist.

 

Demgegenüber steht beispielsweise gerade bei KMU und Startups die Bedeutung von Patenten um Finanzierung zu bekommen und um auf den Markt zu kommen. Hier sind dann eher wenige, aber solide Rechte höherer Qualität ausschlaggebend.

 

Also sollte man sich nicht unbedingt nur von der Anzahl Anmeldungen leiten lassen. Dies könnte jeweils zu Missinterpretationen führen.

 

Eine der Hauptaufgaben der Behörden für Geistiges Eigentum ist die Unterstützung gerade von KMU bei der Anmeldung und Ausübung von Immaterialgüterrechten. Dies dient insbesondere der Förderung der Innovationsfähigkeit auf nationaler Ebene. Es sind gerade diese Erfindungen, die oft zu bahnbrechenden Innovationen und zu gesellschaftlichen Neuerungen führen.

 

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