Im Interview spricht Nicole Ade über ihre Aufgaben als angehende Patentanwältin bei Roche Diagnostics, steile Lernkurven und intensive Prüfungsvorbereitungen.
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Karriereziel Patentanwältin: Nicole Ade über die Ausbildung und den Glückstreffer «Candidate Support Programme»
Die Ausbildung zur europäischen Patentanwältin oder zum europäischen Patentanwalt erfordert Ausdauer: Die europäische Eignungsprüfung gilt als eine der anspruchsvollsten beruflichen Prüfungen Europas. Glück hat, wer Unterstützung durch das «Candidate Support Programme» (CSP) des Europäischen Patentamts (EPA) erhält. So wie die Biomechanikerin Nicole Ade, die als eine der ersten Teilnehmerinnen aus der Schweiz beim CSP mitmachen kann.
Nicole Ade, Sie haben an der ETH Zürich Biomechanik studiert. Was weckte Ihr Interesse für das Geistige Eigentum?
Das kam eigentlich eher zufällig. Ich musste für den Masterabschluss an der ETH Zürich auch eine bestimmte Anzahl Kreditpunkte in fachfremden Fächern erwerben. So wählte ich während meines Studiums das Fach Patent- und Lizenzvertragsrecht. Das fand ich spannend. Später arbeitete ich in einem Medizintechnik-Unternehmen im Bereich Forschung und Entwicklung und übernahm dann bald zu 50% die Aufgaben des abtretenden IP-Verantwortlichen. Das gefiel mir von Anfang an sehr.
Was fasziniert Sie an der Arbeit im IP-Bereich?
Als angehende Patentanwältin analysiere ich Technologien ganzheitlich, um gezielt schutzwürdige Aspekte oder aber rechtliche Risiken zu erkennen. Ich begleite Innovationen von der ersten Idee bis zum Markteintritt. Dieser Prozess erfordert eine enge Zusammenarbeit mit der Entwicklungsabteilung, was ich als sehr bereichernd empfinde. Auch die Themenvielfalt im IP-Bereich fasziniert mich. Bei Roche entstehen komplexe diagnostische Systeme durch das Zusammenspiel unterschiedlichster Disziplinen wie Robotik, Fluidik, Optik und Software sowie den eingesetzten chemischen Substanzen. Da gibt es laufend neue Herausforderungen und kein Tag ist wie der andere.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als «Trainee Patent Attorney», d. h. als Patentanwältin in Ausbildung bei Roche Diagnostics aus?
Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit besteht darin, bei unseren Erfinderinnen und Erfindern Ideen einzusammeln und auf ihre Patentierbarkeit zu analysieren. Danach entwerfe ich die Patentanmeldungen und bespreche sie mit meiner Mentorin, bevor sie beim Patentamt eingereicht wird – bei Erstanmeldungen meist beim Europäischen Patentamt (EPA). Zudem betreue ich die Prosecution – d. h. die Prüfungsverfahren bis zur Erteilung – und wirke bei der Verteidigung und Durchsetzung von Patent-, Design- und Geschäftsgeheimnisrechten mit.
Zusätzlich unterstütze ich Freedom-to-Operate-Abklärungen. Dafür recherchieren wir nach den neuen Aspekten in unseren Entwicklungen und beurteilen anschliessend, ob wir Ausübungsfreiheit haben oder nicht. Wenn Patente im Weg stehen, unterstütze ich die Projektteams darin, technische Umgehungslösungen zu finden, bestehende Patente herauszufordern oder andere Wege zu gehen.
Schliesslich bin ich mitverantwortlich für die IP-Awareness bei Roche und organisiere dazu Trainings für die Forschungs- und Entwicklungsteams, damit sie die Wichtigkeit und Mechanismen von IP verstehen.
Was hat Sie motiviert, europäische Patentanwältin zu werden und die europäische Eignungsprüfung (EEP) abzulegen?
Mein Ziel ist es, meine Perspektive im Bereich des Geistigen Eigentums weiter zu entwickeln und Verantwortung für den gesamten Lebenszyklus einer Erfindung zu übernehmen. In meiner vorherigen Rolle als IP-Manager war meine Aufgabe oft abgeschlossen, sobald die Erfindung identifiziert und die Erfindungsmeldung erstellt war. Ich verspürte jedoch den Wunsch, diesen Prozess darüber hinaus aktiv zu gestalten: die Anmeldungen eigenständig durch das Prüfungsverfahren zu führen und bei patentrechtlichen Fragestellungen qualifiziert zu unterstützen. Besonders in der Medizintechnik sind Innovationen mit enormen Investitionen und einer hohen strategischen Bedeutung verbunden und müssen deshalb professionell betreut und geschützt werden.
Wie haben Sie sich auf die erste Prüfung vorbereitet?
Bereits vor drei Jahren, noch als IP-Manager, absolvierte ich den berufsbegleitenden zweijährigen Vorbereitungskurs für EEP-Kandidaten des «Center for International Intellectual Property Studies» (CEIPI) in Zürich. Dieser Kurs bot mir ein erstes wichtiges theoretisches Fundament.
2025 erhielt ich bei Roche die Stelle als EEP-Kandidatin und vertiefte mein Fachwissen durch wöchentliche patentrechtliche Diskussionen mit meiner Mentorin Isabelle Gundel sowie weiteren internen Patentanwälten.
Ab September arbeitete ich mich systematisch in die die Richtlinien des Europäischen Patentübereinkommens (EPÜ) ein. Zudem absolvierte ich einen (ausgezeichneten!) sechsmonatigen Online-Kurs an der Europäischen Patentakademie und einen fünftägigen Intensivkurs bei CEIPI zur Vorbereitung auf die Aufgabe F, das erste Modul der EEP-Prüfung. Ab Ende Oktober kam dann das CSP-Programm mit einem Kick-off beim EPA in München ins Rollen.
Welche Unterstützung bietet Ihnen das CSP-Programm?
Allen Teilnehmenden wird ein Coach zur Seite gestellt. Mit diesem, in meinem Fall mit Axel Pérez aus Barcelona, arbeitete ich jede Woche um die zwei Stunden online zusammen. Dabei gingen wir alle Prüfungsthemen durch und arbeiteten gezielt an herausfordernden Themen. Ab Dezember begannen wir mit dem Lösen von Probeprüfungen. Da Axel zusätzlich Kandidatinnen aus Norwegen und Finnland betreut, kamen wertvolle gemeinsame Trainingseinheiten an den Wochenenden hinzu.
Im Rahmen des Programms werden nicht zuletzt auch alle Prüfungsgebühren und Anteile für Schulungsmaterialen übernommen.
Welchen Nutzen haben Sie soweit aus dem Programm gezogen?
Das CSP war für mich in mehrfacher Hinsicht ein enormer Gewinn: An erster Stelle stand das individuelle Coaching, das mir eine individuelle und strukturierte Vorbereitung ermöglichte. Auch der Austausch mit den anderen Kandidatinnen in meiner Gruppe war sehr bereichernd. Sie arbeiten im Gegensatz zu mir in Kanzleien, wir konnten viel voneinander lernen. Und natürlich schätze ich die finanzielle Unterstützung.
Wie haben Sie die Vorbereitung auf das erste Modul der EEP-Prüfung, die sogenannte Prüfung F erlebt?
Sehr intensiv. Ich habe daneben in einem 100-Prozent-Pensum gearbeitet. Besonders herausfordernd wurde es in den Monaten vor der Prüfung: Konsequentes Lernen bis spätabends auch samstags und sonntags waren die Regel. Dafür ist die Lernkurve in dieser Phase sehr steil.
Gestern haben Sie die erste Prüfung nun abgelegt. Gab es Überraschungen?
Die Struktur der EEP-Prüfungen hat sich 2025 geändert. Das machte die Vorbereitung herausfordernd, weil man nicht wissen konnte, worauf der Fokus liegt. Rückblickend empfand ich einige Teile als schwieriger als erwartet. Während mein Alltag bei Roche stark von der praktischen Anwendung geprägt ist, wiesen einige Prüfungsfragen einen eher theoretischen Fokus auf.
Was geben Sie zukünftigen Kandidatinnen und Kandidaten mit auf den Weg?
Man sollte sich bewusst sein, dass man die EEP nicht einfach so nebenbei machen kann. Die Ausbildung und die Prüfungen sind sehr anspruchsvoll, die Vorbereitungen zeitintensiv. Der Weg zur Qualifikation als zugelassener Vertreter dauert mindestens drei Jahre; wenn man eine Prüfung wiederholen muss, noch länger. Dafür braucht es Ausdauer und eine starke Motivation.
Aber bevor ich jemanden abschrecke: Der Beruf als Patentanwältin ist sehr cool. Ich würde ihn allen empfehlen, die Technik spannend finden, aber nicht mit zu engem Fokus arbeiten möchten. Der Beruf verbindet naturwissenschaftliches Verständnis mit rechtlichen Fragestellungen und interdisziplinärem, strategischem Denken. Jeder Tag bietet neue Herausforderungen und man kann sehr viel selbst gestalten. Für mich ist es ein unglaublich vielseitiger und erfüllender Beruf.
In der Zwischenzeit haben wir erfahren, dass Nicole Ade die Prüfung F mit sehr guter Bewertung bestanden hat. Wir gratulieren herzlich und danken vielmals für das Gespräch!
Die europäische Eignungsprüfung (EEP)
Mit der europäischen Eignungsprüfung (EEP) wird festgestellt, ob die Bewerberinnen und Bewerber die Kenntnisse und die Fähigkeit haben, Anmelderinnen und Anmelder vor dem Europäischen Patentamt (EPA) zu vertreten. Sie gilt als einer der anspruchsvollsten Prüfungen in Europa und umfasst fünf Aufgaben: Die Aufgabe F (Foundation Paper) kann nach einem Jahr Berufserfahrung, die Aufgaben M1 und M2 nach zwei und M3 und M4 nach drei Jahren Berufserfahrung abgelegt werden.
Wer die EEP bestanden hat, kann die Registrierung als europäische Patentanwältin oder europäischer Patentanwalt beantragen und wird in der Liste der zugelassenen Vertreter beim EPA aufgeführt.
Das Candidate Support Programme (CSP)
Das Candidate Support Programme (CSP) ist eine Initiative des Europäischen Patentamts (EPA) in Kooperation mit Mitgliedstaaten der Europäischen Patentorganisation. Ihr Ziel ist es, für mehr Inklusion, Kompetenzausbau und grössere Ausgewogenheit innerhalb der Patentfachwelt in Europa zu sorgen. Das umfassende Unterstützungsangebot soll Bewerberinnen und Bewerbern ermöglichen, alle fünf Aufgaben der europäischen Eignungsprüfung zu bestehen.
Das IGE nimmt beim CSP teil, um den Frauenanteil in der Patentfachwelt zu erhöhen und als Beitrag zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (siehe auch Geistiges Eigentum und Nachhaltige Entwicklung).
2025 konnten wir gemeinsam mit Vertretern der Prüfungskammer der Verbände der Schweizer Patentanwälte zum ersten Mal zwei Kandidatinnen für das Programm auswählen. Nicole Ade, eine der zwei glücklichen Teilnehmerinnen, hat uns kurz nach der ersten Prüfung über ihre Erfahrungen berichtet.
Die Ausbildung zur europäischen Patentanwältin oder zum europäischen Patentanwalt
Diese Ausbildung bereitet darauf vor, Mandantinnen und Mandanten im Zusammenhang mit europäischen Patentanmeldungen zu beraten und zu vertreten.
Voraussetzung ist ein natur- oder ingenieurwissenschaftlicher Hochschulabschluss. Danach folgt eine patentrechtliche Fachausbildung von mindestens drei Jahren unter Aufsicht einer zugelassenen Europäischen Patentanwältin oder einem zugelassenen Europäischen Patentanwalt. Parallel dazu erwerben Kandidatinnen und Kandidaten ein umfangreiches theoretisches Wissen zum europäischen und internationalen Patentrecht. Die Ausbildung wird mit der Europäischen Eignungsprüfung (EEP) abgeschlossen.
Genauere Informationen finden Sie auf der Website des Instituts der beim Europäischen Patentamt zugelassenen Vertreter sowie auf der Website des EPA.
Die Ausbildung zur Schweizer Patentanwältin oder zum Schweizer Patentanwalt
Diese Ausbildung baut ebenfalls auf einem natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Hochschulabschluss auf. Anschliessend folgt eine praktische Fachausbildung unter Anleitung einer eingetragenen Patentanwältin oder einem eingetragenen Patentanwalt, in der Kenntnisse im schweizerischen, europäischen und internationalen Patentrecht sowie in weiteren Bereichen des Immaterialgüterrechts erworben werden. Nach der mindestens drei Jahre dauernden Ausbildung steht eine vierteilige Patentanwaltsprüfung. Zwei Teile werden über die europäische Eignungsprüfung abgedeckt, die übrigen behandeln speziell das Schweizer Recht.
Zur Vorbereitung auf die Prüfung bietet das IGE in Zusammenarbeit mit den Verbänden VSP, VESPA und VIPS den berufsbegleitenden «Lehrgang zum Schweizer IP-Spezialisten und Patentanwalt» an.
Zur Führung des Titels müssen Patentanwältinnen und -anwälte die Voraussetzungen des Patentanwaltsgesetzes erfüllen und im Schweizerischen Patentanwaltsregister oder in der Liste der in Liechtenstein zugelassenen Patentanwälte eingetragen sein.