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Frühzeitig Trends erkennen: So nützen Patentdaten den KMU

In den weltweit über 120 Millionen Patentschriften steckt viel Wissen. Und das Beste: Diese Daten-Schatzkiste ist offen für alle. KMU können daraus relevante Business-Informationen herausziehen.

Symbolbild
Bild: John Schnobrich, unsplash.com

KMU setzen vermehrt auf Business Intelligence, d.h. die Auswertung und Nutzung der eigenen unternehmerischen Daten meist mit Hilfe von Softwarelösungen. Die Erkenntnisse sollen Entscheide im Marketing und Management unterstützen.  Zusätzlich sind KMU darauf angewiesen, ihr Marktumfeld genau zu kennen, um auf Konkurrenten, Technologie- und Marktveränderungen möglichst akkurat reagieren zu können.

 

Diese Informationen sind zu einem grossen Teil nur ausserhalb des Unternehmens verfügbar. Marktbeobachtungen und -analysen gehören ebenso dazu wie Beobachtung und Analyse des Markts. Dadurch können neue Wettbewerber und auch neue Marktsegmente und Trends identifiziert werden. Diese werden aber meist erst wahrgenommen, wenn sie bereits prominent am Markt präsent sind. Ideal wäre deshalb, wenn Entwicklungen im Markt früher, d.h. vor dem Markteintritt, identifiziert werden könnten. Hier kommen Informationen von Patentschriften ins Spiel.

 

Patentdokumente als Informationsquelle

Publizierte Patentschriften sind voller wertvoller Informationen. Patent Intelligence nutzt diese Patent-Bibliotheken. Die Erkenntnisse daraus kann ein KMU als Entscheidungshilfe für das strategische Management nutzen. Die Voraussetzungen für diese Bibliotheken sind in internationalen Übereinkommen und nationalen Patentgesetzen festgeschrieben. Insbesondere erlaubt die in den Übereinkommen festgelegte Veröffentlichungspflicht 18 Monate nach Anmeldung einer Erfindung zum Patent Einsichten in Technologien und Unternehmensstrategien. Diese sind oftmals so früh noch nicht am Markt ablesbar. Die Patentdaten werden weltweit gesammelt, in spezialisierten Datenbanken identisch und nach standardisierten Informationen aufbereitet und der Öffentlichkeit weltweit zur Verfügung gestellt. Diese Bibliotheken mit über 120 Millionen Dokumente enthalten wertvolle technologie- und unternehmensrelevante Daten.

 

Wie wird ein Patent bewertet?

Über Jahrzehnte wurde versucht, mittels komplizierter Berechnungen den einzelnen Patenten einen absoluten monetären Wert zuzuweisen. Dies kann zwar in Einzelfällen möglich, aber für gesamte Portfolios schwierig sein. Deshalb wurde versucht einen relativen Wert zu generieren, der das Patent im Verhältnis zu anderen Patenten im gleichen Technologiegebiet bewertet. Diese Ansätze waren lange Zeit zwar erfolgsversprechend, aber noch nicht überzeugend.

 

Neueste Entwicklungen in Analyse-Tools und die Erarbeitung von neuen qualitativen Indikatoren erlauben es jedoch heute folgende Informationen darzustellen: Technologietrends, Innovationsschwerpunkte von Unternehmen, Branchen und Ländern, Technologieführer und deren Schutzrechtsstrategien, Technologische Positionierung von Unternehmen und deren zeitliche Veränderung, Stärken und Schwächen von Patentportfolios, die bevorzugten Märkte der Konkurrenz, und vieles mehr. Diese qualitativen, relativen Bewertungen liefern heute akkurate und aussagekräftige Resultate.

 

Extraktion von relevanten Businessinformationen

Die Analyse des Marktverhaltens anhand von Patenten bedingt zunächst eine möglichst klare Definition des zu untersuchenden Technologiefeldes und eventuell einer bestimmten geographischen Region oder eines bestimmten Unternehmens mit allen Tochtergesellschaften. Danach muss aus den Datenbanken eine Grundmenge an Patenten zusammengetragen werden, die diesen Anforderungen entspricht. In der Regel sollte diese Menge gross genug sein um statistisch relevante Aussagen machen zu können, also mindestens mehrere Tausend.

 

Es geht hier nicht darum die einzelnen Patente genau zu analysieren, sondern eine möglichst relevante Grundmenge an Patentdokumenten zu erarbeiten. Dies ist meist der aufwändigste Schritt in der Analyse. Danach kann die Grundmenge zur Darstellung von Trends und Fakten herangezogen werden, d.h. Antworten auf die Fragen können anhand von graphischen oder tabellarischen Darstellungen gefunden werden.

 

Self-Tracking Wearables

Wie man Patentdaten aufarbeiten kann, zeigt eine «strategische Patentanalyse von «Self-Tracking Wearables». Ob Fitness-App, Tracker-Armband oder Schrittzähler – das Self-Tracking liegt im Trend und ist zu einem bedeutenden Markt geworden. Die hier gezeigten Grafiken für Self-Tracking Wearables sollen nur als Beispiel für eine mögliche Analyse dienen, sie sind keine vertiefte Analyse dieses Technologiegebietes. Die Zusammenstellung der Grundmenge müsste in diesem Fall genauer definiert werden. Die Grundmenge besteht in der vorliegenden Analyse aus 3720 aktiven Patentfamilien. Eine Familie beinhaltet alle Patente auf der ganzen Welt für die selbe Erfindung und vom selben Anmelder. Eine einzelne Patentfamilie repräsentiert eine Erfindung, egal aus wie vielen Patentschriften die Familie besteht.  Zählen der Patentfamilien entspricht deshalb nicht dem Zählen der Patente, sondern dem Zählen der geschützten Erfindungen.

 

Dies sind nur einige der Möglichkeiten um ein Technologiegebiet bzw. einen Konkurrenten und/oder die eigene Firma mit Hilfe von Patentdaten zu analysieren und darzustellen. Alle Daten wurden mit der Software Patentsight erarbeitet und dargestellt.

 
 
Diese Darstellung zeigt die 10 Firmen mit den grössten aktiven Patentportfolios. Das grösste Patentportfolio stammt von Philips und Apple (mit dem iPhone und der Apple Watch) ist nicht unter diesen Firmen aufgelistet.
 
 
Ein anders Bild zeigt sich, wenn nicht die Grösse des Portfolios, sondern die die Stärke dargestellt wird - hier abgebildet als der Anteil des Portfolios in den Weltklassepatenten (den 10% besten Patenten). Nike scheint in der untersuchten Datenmenge führend zu sein, vor Apple und Fitbit. Philips ist nun eher, was die Bedeutung der Patentportfolios betrifft, im Mittelfeld zu finden.
 
 
Die geografische Zuordnung und Relevanz der Erfindungen ist klar aus einer entsprechenden Weltkarte ersichtlich.
 
 
Der zeitliche Verlauf der aktiven Patentportfoliogrösse der einzelnen Firmen (sind die Firmen heute aktiv in diesem Gebiet oder nicht?) ist ebenfalls hilfreich, um die Aktivitäten der Konkurrenz zu beurteilen. Als Gradmesser gelten die Anzahl der Patentanmeldungen. Auch hier fällt Philips mit grosser Aktivität in neuester Zeit auf.
 
 
Weiter kann der kompetitive Wert der Portofolios der einzelnen Firmen dargestellt werden. Zum einen zeigt sich, dass Apple, obwohl anscheinend nicht von der Grösse der Portfolios massgebend, einige Jahre zwischen 2008 und 2015 sehr kompetitiv war, aber heute etwa auf dem gleichen Niveau wie alle anderen stehen geblieben ist.
 
 
Weiter kann der kompetitive Wert der Portfolios der einzelnen Firmen dargestellt werden. Zum einen zeigt sich, dass Apple, obwohl anscheinend nicht von der Grösse der Portfolios massgebend, einige Jahre zwischen 2008 und 2015 sehr kompetitiv war, aber heute etwa auf dem gleichen Niveau wie alle anderen stehen geblieben ist.

Zum anderen zeigt die nächste Grafik die Blockierkraft und die Blockierungsmöglichkeit von den anderen Firmen gegenüber der Firma Apple. Das heisst, dass eine Firma eventuell (Schlüssel-)Patente im Portfolio hat, die Apple hindern könnte ihre Innovationen auf den Markt zu bringen. Umgekehrt könnten Patente von Apple andere Firmen am Markteintritt hemmen (Exposure, Verletzbarkeit). Dies wird gemessen mit der Anzahl der Zitierungen in Apple-Patenten von Patenten der Konkurrenten (Blockierung von Apple durch Andere, Exposure) und der Zitierung von Applepatenten in Patenten der Anderen (Angreifbarkeit/Exposure der Anderen gegenüber Apple). Es zeigt sich, dass zum heutigen Zeitpunkt Nike und Fitbit die grossen Konkurrenten von Apple sind (grosse Blockierungsmöglichkeiten mit den Patenten gegenüber Apple) und auf der anderen Seite Alphabet und Microsoft sehr volatil gegenüber dem Portfolio von Apple sind.
 
 

Die Angebote des Eidgenössischen Instituts für Geistes Eigentum (IGE)

Zum einen bietet das IGE im Rahmen seines Bundesauftrages Recherchen in Patentdatenbanken, sogenannte Begleitete Recherchen, für 300 Franken für die Dauer eines halben Tag an um in einer Datenbank mit mehr als 100 Millionen Patentdokumenten zusammen mit einem Patentexperten diejenigen Patentschriften zu finden, die der eigenen Erfindung nahe kommen. So kann eine Abschätzung der Neuheit der eigenen Erfindung gemacht werden.

 

Zum anderen können Businessdaten, wie oben beschrieben, zusammengestellt werden. Diese Dienstleistung wird ebenfalls vom IGE angeboten und zwar, wenn Sie in einem KMU arbeiten, das von einem Forschungs- und Innovationsförderer unterstützt wird, mit dem wir einen Rahmenvertrag abgeschlossen haben. Diese Begleitete Patentumfeldanlyse kostet ebenfalls 300 Franken.

 

Diese Analysen sind jedoch auf gewisse Auswertungen bzw. Grafiken beschränkt. Verschiedene Anbieter von Recherche-Dienstleistungen bieten Ihnen weitergehende angepasste Recherchen und Analysen auf Ihre Fragen an, unter anderem auch das IGE unter dem Namen ip-search.

 

Erläuterungen der Begriffe

Competitive Impact:

Dieser Wert ergibt sich wie folgt:

  • die Technolgierelevanz gemessen an der Anzahl Zitierungen
  • gewichtet nach Alter des Patentes und der vergebenden Behörde der Zitierungen
  • multipliziert mit der Marktabdeckung, d.h. der Anzahl abgedeckter Märkte gewichtet nach Grösse und Bedeutung.

 

Patent Asset Index:

Die Summe aller Competitive Impacts in einem Portfolio

 

Weltklasse Patente:

Anzahl Patente in einem Portfolio welche zu den weltweit besten 10% (Competitive Impact) gehören

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